Missy

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2010 - 21.03.2018

 

Liebe Missy,

während die Tränen über mein Gesicht laufen, sitze ich hier und schreibe diesen Text.

Im Dezember 2017 hat dich dein vorheriger Besitzer von einer „Züchterin“ gekauft. Dass du unkastriert und mit extrem schlechten Zähnen abgegeben wurdest, lässt tief blicken. Vermutlich musstest du in den letzten Jahren ohne Ende Kitten produzieren, ohne dass auf dich und deine Gesundheit geachtet wurde.

Und dein Leidensweg endete leider auch nicht mit dem Umzug in ein neues Zuhause, denn dein Besitzer war anscheinend rettungslos mit deiner Fellpflege und deinem schlechten Gesundheitszustand überfordert. Am 12.3.2018 stellte er dich endlich tierärztlich vor, weil du massive Gleichgewichtsprobleme hattest und nicht mehr auf die Couch springen konntest (welch Wunder). Die Tierärzte stellten eine massive Ohr-Entzündung und einen schrecklichen Zahnstatus fest. Ob er bei Zahnschmerzen auch nicht zum Zahnarzt geht?

Als er erfuhr, welche Tierarztkosten auf ihn zukommen, schlug er der Praxis vor, dich doch einzuschläfern. Das hat die Praxis verweigert, und du wurdest an sie überschrieben.

Das nahe liegende war natürlich, die umliegenden Tierschutzvereine um Übernahme zu bitten, aber diese haben dankend abgelehnt - nachdem sie von deinen gesundheitlichen Problemen gehört haben.

Also kam die Maine Coon Hilfe ins Spiel, und am 15.3.2018 lernten wir uns in der Tierarztpraxis kennen. Mein erster Satz war „Ach du Scheiße!“, denn du warst nur Haut und Knochen. Der Speichel lief dir aus dem Maul, du hieltest deinen Kopf schief, und die Scherversuche der Praxis machten dich nicht unbedingt hübscher.

Ich näherte mich der Transportbox, und da geschah es: Du miautest mich mit deiner heiseren Stimme an, strecktest die Pfote raus und berührtest meine Hand. Ich habe mich sofort und rettungslos in dich verliebt, Missy.

Natürlich sagte mein Kopf, dass ich nicht so viele Gefühle investieren soll, denn es war ja noch nicht klar, was eventuell noch für weitere gesundheitliche „Überraschungen“ auf uns warten würden. Und ich hatte sofort ein ganz mieses Bauchgefühl, denn deine neurologischen Ausfälle erinnerten mich sehr an einen ehemaligen Pflegekater, der einen Hirntumor hatte...

Da ich merkte, wie groß deine Zahnschmerzen waren, stellte ich dich am 16.3.2018 beim Fachtierarzt für Zahnheilkunde vor, und sehr schnell versammelten sich alle Mitarbeiter im Behandlungsraum - fassungslos über deinen Zustand und mindestens genauso wütend auf deine Vorbesitzer wie ich.

An den nächsten drei Tagen zeigtest du dich munter und gut gelaunt, und wir haben viel Zeit gemeinsam in meinem Büro (Pflegie-Zimmer) verbracht. Wenn du gekonnt hättest, wärst du in mich hinein gekrochen, so hast du die Schmuse-Einheiten und die Zuwendung genossen. Mindestens ebenso toll fandest du das leckere Fressen, sodass du locker 800g Nassfutter pro Tag vertilgt hast. Du spieltest, warst gesprächig und gut gelaunt, sodass ich meine düstere Vorahnung beiseite schob und hoffte, dass mit der anstehenden Zahnoperation ein Schritt in eine lange gemeinsame Zukunft getan werden könnte. Wir hatten nämlich entschieden, dich zu adoptieren.

Der Umstand, dass du im Schlaf unter dich pinkeltest, machte mir allerdings Sorgen. Auch, dass du immer wieder irgendwo gegen liefst.

Am 20.3.2018 kam ich ausnahmsweise recht früh von der Arbeit. Zum Glück, wie sich herausstellte. Du schautest mich mit großen, traurigen Augen an, blutiger Speichel lief aus deinem Maul, und du ließest dich langsam auf die Seite fallen. Deine Augen sagten: „hilf mir. Ich kann nicht mehr.“ Ich packte dich ein und fuhr in die nächstgelegene Tierklinik. Dort wurde ein wahrer Untersuchungsmarathon gestartet, den du erst brav über dich ergehen ließest. Irgendwann zeigtest du aber, dass du die Nase voll hattest und hast den Tierarzt kräftig gebissen. Der entschied daraufhin, du seist stabil genug, um bei uns zu Hause weiter versorgt zu werden. Ein Trugschluss, wie sich später herausstellte. Schon ein paar Stunden später trat ein schwerer epileptischer Anfall auf, sodass ich dich einpackte und in die Klinik fuhr. Wir entschieden uns, dich auf jeden Fall stationär aufnehmen zu lassen. In der Nacht traten weitere Anfälle auf, sodass wir uns entschieden, mit einem MRT nach der Ursache zu suchen.

Leider bestätigte sich mein Anfangsverdacht. Du hattest einen großen Hirntumor, der bereits ins Ohr durchgebrochen war.

Wir haben dir einen letzten Liebesdienst erwiesen, indem wir dich nicht mehr aus der Narkose aufwachen ließen.

Meine Güte, mein armer, armer Schatz. Was musst du für Schmerzen gehabt haben? Und du hast noch gespielt, geschmust und gefressen, du kleine Kämpferin mit der Amy Winehouse-Stimme.

Du hast mein Herz im Sturm erobert, dein Verlust schmerzt unendlich.

Missy, jetzt hast du keine Schmerzen mehr. Du bist an einem besseren Ort.

Es tut so weh …

Dein fassungsloses Pflegefrauchen

Bettina Fecher

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